Jana
Jürß Abschied
einer
Illusion Erzählung Geest-Verlag,
Vechta-Langförden, 2007 ISBN
978-3-86685-096-5 10
Euro
Handlungszeit:
die Jahre 1986/89, Handlungsort: eine
kleine Stadt in Mecklenburg (DDR). Iris
Wurzler, Anfang 20, eine junge Frau spricht
über ihre Entscheidung, ihr Land zu verlassen. Am Bahnhof
ihrer kleinen
Heimatstadt beginnt die Ausführung. Sie erzählt,
weshalb siesich zu
dem Entschluss der Republikflucht
durchgerungen hat, sie, die bis dahin behütet und zufrieden
gelebt hatte. Sie
spricht von ihren Idealen, von ihren Erfahrungen, von ihrer Liebe zu
zwei
Männern. Sie erzählt von ihren Kollegen, von ihren
Parteikollegen, dem
Parteivorsitzenden. Sie
offenbart ihre Begegnungen mit der Staatssicherheit. Iris
fühlt sich
allein, sie wird bloßgestellt, in die Ecke gedrängt,
man fordert sie
auf, ihre Mitmenschen auszuspionieren. Man intregiert gegen
sie
und jeden und wünscht es von ihr und von jedem. Sie wird
misstrauisch,
meist verängstigt, sie ist verwirrt. Dies zeigt sich in den
"Begegnungen" mit Erich Honecker, dessen Augen von vielem
Wänden auf
sie herabblicken, die sich von nun an scheinbar aus den Bilden
lösen,
um Iris Schmerzen in jeglicher Art zuführen zu können. Leseprobe Er strahlte sie an,
den
Mund weit geöffnet, die Zunge ins Glas steckend, als koste er
von dem Bier.
Ganz schnell goss er sich den Rest der gelbbraunen Flüssigkeit
in den Rachen,
schluckte und meinte: „Manchmal hilft es, das Trinken meine
ich. Immer
seltener mit der Zeit. Es gibt nicht mehr viel, worauf ich
anstoßen kann, in
meinem Alter, in meinem Leben.“ Zum Wirt die linke Hand
hebend, auf sein
Glas weisend und zwei Finger hochhaltend, stellte er sich vor:
„Ich heiße
Mischa, keine Angst, ich bin kein Russe, obwohl. Wäre nicht
das Schlechteste
ein Russe zu sein. Meine Frau nannte mich Mischa, wie den
Bären. Sie ist tot
und der Bär folgt, bald hoffentlich. Noch einmal so tanzen wie
du heute und
dann auf den Friedhof. Das wär’s Mädchen.
Ein guter Zeitpunkt, um Tschüß,
um‚ ihr könnt mich mal’ zu sagen. Meine
Frau meinte immer, ich
spinne. Trotzdem liebte sie mich, sie machte alles mit. Alles, auch als
ich im
Knast war, im Zuchthaus, hat sie sich keinen anderen genommen. Sie
sollte sich
scheiden lassen, man wollte ihr die Kinder sonst wegnehmen.“
Seine Stimme
war nun voller Unverständnis: „Nee, sie blieb bei
mir und die Kinder ließ
sie sich nicht nehmen. Bis heute weiß ich nicht, was sie
dafür getan hat. Habe
sie nicht danach gefragt, wollte es nicht wissen. Jedenfalls blieben
wir zusammen.
Bis sie starb, vor drei Jahren.“ Kopfschüttelnd und
traurig:
„Komische Krankheit hatte sie, als würde ein
Kürbis in ihrem Bauch
wachsen, Krebs wohl. Ich weiß nichts von solchen Sachen. Ich
bin ein einfacher
Mann, Hilfsarbeiter im Wald gewesen, gleich nach der
Kriegsgefangenschaft in
den Wald und nach dem Zuchthaus wieder in den Wald. Über
Bäume, über Pflanzen,
über den Himmel und die Erde könnt ich was sagen.
Über die Menschen nicht. Ich
kenne sie nicht, hab sie nie gekannt und irgendwann nicht mehr kennen
lernen
wollen. Nicht mal meine Frau und meine Kinder.“