Nordkurier: Artikel vom 04.12.2010
Geschichte
vom Mit-sich-machen-Lassen
Romandebüt.
In "Peters Laube" erzählt die gebürtige
Neustrelitzerin Jana Jürß aus einer nicht
gefälligen Zeit.
Udo Lindenbergs Rockballaden mit vielen schönen Textzitaten,
die etliche kennen - hüben und drüben - scheinen
immer wieder auf als Ost und West verbindendes Element in Jana
Jürß' erstem Roman "Peters Laube". Jele, die
Ich-Erzählerin, ist eine erfolgreiche Journalistin, welche die
DDR verließ, um in Freiheit zu leben. Dass sie ihre kleinere
Schwester Friederike und ihre erste große Liebe Peter
zurück ließ, bereitet ihr auch nach vielen Jahren
der "Wende" immer mal wieder ein schlechtes Gewissen. Sie
lässt sich manipulieren von Menschen in Ost und West. Sie
lässt sich missbrauchen von ihrem West-Liebsten. Und das ist
die Stärke dieses Buches. Es geht um Manipulierbarkeit,
Verführbarkeit von Menschen auf ganz unterschiedlichen Ebenen.
Es geht um das "Mit-sich-machen-Lassen", ums Mitmachen.
Mord und Totschlag, eine Laube, überfüllt mit
ostalgischen Artikeln, in der erschreckende Ritualen eingehalten
werden, Wendehälse, Pflegenotstand, Arbeitslosigkeit,
Schwarzarbeit, Entwürdigung, der Stasimann, der dann wieder
zum Einsatz kommt ... Die aus Neustrelitzer stammende Autorin Jana
Jürß erzählt mit Freude und scheinbarer
Leichtigkeit in Kapiteln, die kleine schöne
Überschriften tragen. Sie erzählt spannend,
irrwitzig, grotesk, zum Lachen. Aber sie erzählt auch
einfühlsam, eindringlich, zum Weinen. Oder sie irritiert! Es
gelingt ihr, die Leser immer wieder in einen Perspektivwechsel mit zu
nehmen zu ihren Protagonisten und deren überzogenen Gedanken,
Geschichten.
Plötzlich dann kann man die Dialoge erkennen, wie sie waren
oder wie sie heute sind, so oft auch in Kneipen zu hören. Man
könnte meinen, die Autorin hat uns allen "aufs Maul" geschaut.
Und viele kennen doch auch irgendwo einen Wessi, der die Mauer wieder
haben möchte?
Der Roman ist mit authentischen Neustrelitzer Straßennamen
versehen. So folgt der Leser auch Peter an einem fiktiven 7. Oktober
auf seinem Weg zum Rathaus. Von dort herunter wird er die DDR wieder
ausrufen lassen und viele werden kommen, strammstehen und mitsingen.
Jele wäre vielleicht ein "besseres Ende" zu wünschen,
aber Jana Jürß schreibt ihren ersten Roman nicht
gefällig. Wohl auch, weil die Zeit, über die sie
schreibt, nicht gefällig war und weil es - in anderer Weise -
auch die heutige nicht ist.
Gewisser Ratlosigkeit nach der Lektüre des Romans folgt
Nachdenklichkeit und der Wunsch, dass wir, die wir noch die Mauer in
unseren Herzen, Köpfen, oder auf unseren Rücken
tragen, sprechen könnten, miteinander und uns unsere
Geschichten erzählten. Und dass wir uns zuhören
könnten.
Marianne Pumb
Jana Jürß: Peters Laube. Wartberg Verlag,
Gudensberg-Gleichen. 252 Seiten, 10,90 Euro. ISBN
978-3-8313-2353-1.