DDR – Durch Menschen gelebt

 

Hörprobe (gelesen durch Alfred Büngen)

Jana Jürß
DDR – Durch Menschen gelebt.
Geest-Verlag, Vechta-Langförden, 2007
ISBN 978-3-86685-058-3
196 S., 12,50 Euro

DDR - Ein Lese- und Arbeitsbuch

 

DDR – viele Jüngere wissen noch nicht einmal mit dem Namen etwas anzufangen, geschweige denn mit dem Leben und dessen Organisation in einem der beiden deutschen Staaten, der bis vor knapp 20 Jahren Bestandteil unserer Wirklichkeit war.
Historisches Vergessen ist jedoch stets dramatisch, da sich politisches und gesellschaftliches Geschehen nur auf der Basis einer kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit entwickeln kann.
Der DDR ist ihre totalitäre und antidemokratische Struktur eigen, die zur Entmündigung des einzelnen Bürgers führt. Anpassung, Unterdrückung, Gleichschaltung bei gleichzeitigem Versuch materieller, kultureller und sozialer Versorgung sind gesellschaftliche Entwicklungen, die es stets im Ansatz zu erkennen gilt, will man antidemokratische Entwicklungen verhindern.
In diesem Buch verbindet die Autorin die Darstellung des subjektiven Empfindens in literarischen Texten mit der Schilderung von Sachverhalten, da im historischen Erinnern eines vom anderen nicht zu trennen ist. Die einleitenden literarischen Erzählungen schaffen einen Eindruck von der Lebenswirklichkeit. J. Monika Walther schreibt im Nachwort dazu: „Sie analysiert präzise und mit sprachlicher Leichtigkeit, sie schreibt in Spannungsbögen, die sich überraschend auflösen ...“ Im zweiten Teil des Buches folgen Sachberichte über die DDR zu einzelnen gesellschaftlichen Teilelementen wie Schule, FDJ, Pioniere, Staatssicherheit, Literatur und Musikentwicklung und vieles mehr.
Ein ideales Buch, um sich mit der Thematik DDR in Schulen oder auch individuell auseinanderzusetzen.
Jana Jürß wird 1970 in Mecklenburg geboren, ein Lehrerkind, eines von sieben Geschwistern, in Neustrelitz, einem Ort, den sie mag, nicht vergisst, und doch ist sie froh um die Flucht über die ungarisch-österreichische Grenze 1989. Weg aus der DDR. Sie landet in Nienburg an der Weser, lebt in München, Stuttgart und fühlt sich nun wie zu Hause in Jettingen, im Gäu, mit ihrem Mann und zwei Kindern. Sie arbeitete viele Jahre in der IT-Branche.
Seit 2005 lebt sie als freiberufliche Schriftstellerin und Publizistin.  
Büngen, Geest-Verlag

Ein Lese- und Arbeitsbuch über ein fast  vergessenes Stück deutscher Geschichte.
Umschlagbild von Christopher Haupt
Nachwort von J. Monika Walther
 
Leseproben
Achtzehn Monate
Er wusste, er war nicht der einzige, der das durchgemacht hatte. Und er wusste, den anderen ging es nicht viel anders, den meisten wenigstens. Er suchte darin einen Trost, eine Erleichterung zu finden. Wenn er mit Katja am See saß und sie fest seine Hand hielt und ihm von ihren Träumen erzählte, während der Wind leise um sie herumstrich, oder wenn er allein durch den Wald lief, ohne fremde Stimmen und ohne deren Gesichter, während die Blätter ihn manchmal sanft berührten, vergaß er. Nur in solchen Momenten vergaß er. Er war dann nicht mehr der Andreas, der im Dreck mit dem Gesicht nach unten lag, der Andreas, auf den man Schlamm warf, Schicht um Schicht, der den schwarzen Sand fressen musste. Bis er keine Luft mehr bekam. Bis ihn irgendwann die Dunkelheit von der Angst befreite. Für Sekunden. Die er abglitt und ein Kind wurde.
Er sah sich mit der Mutter am Küchentisch. Seine Mutter, die mit ihm Karten spielte. Die die Sieben unter den Tisch fallen ließ, damit er nicht zwei Karten aufheben musste. Die die Schokolade aus dem Kittel zog, Stück für Stück, ihn damit fütterte.
Bis ihn eiskaltes Wasser wieder in das Licht zog und die Angst zurückbrachte.
„Wir sind die Bausoldaten und ziehen mit dem Spaten …“, sang es. Er drehte sich um, immer, da er nicht wusste, woher das Singen kam. Andreas wollte nichts mehr wissen von damals. Von dem, was ihn keinen Tag ruhen ließ. Der goldene Spaten, der sich in seine Schulter tätowiert hatte. Mit heißer Spitze. Tag für Tag, achtzehn Monate lang. Ein Leben, ein ganzes, sein Leben.
Kein Leben davor. Kein Leben danach. Ausgelöscht. Nicht radiert. Ausgebrannt. Verbrannt. Es roch noch nach Verbranntem. Das war alles, was es außer den achtzehn Monaten gab. Ein kleiner Haufen stinkender Asche. Sein Leben…..
 
Schulwesen
Am 27. Juli 1945 schuf ein Erlass der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland die Zentralverwaltung der Volksbildung, deren Aufgabe die Ausarbeitung von Vorschlägen zur Gestaltung des Schulwesens wurde. So entstanden die gesetzlichen Rahmenbedingungen, welche den Schulen einen regulären Unterricht erlaubten. Dazu wurden vorläufig die bisherigen Schulformen wie Volksschule, Mittelschule und Gymnasium beibehalten, die sämtlich staatlicher Natur waren.
Da Lehrer, die aktive Mitglieder der NSDAP oder nationalsozialistischer Organisationen gewesen waren, zum größten Teil nicht mehr zum Schuldienst zugelassen wurden, prägten 40.000 Neulehrer den Schulalltag bis weit in die 50-iger Jahre. Neulehrer wurden junge Menschen, die bereits eine Ausbildung hatten und/oder direkt aus der Kriegsgefangenschaft kamen. Sie wurden in Schnellkursen nach zum Teil reformpädagogischen Ansätzen ausgebildet.
Mitte des Jahres 1946 wurde das Gesetz zur Demokratisierung der deutschen Schulen für die Länder der Sowjetischen Besatzungszone verabschiedet. Dieses Gesetz ist als Ausgangspunkt der Umgestaltung des gesamten Bildungssystems in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone und der 1949 gegründeten DDR zu sehen. Dort wurde festgelegt, dass für Kinder ab 6 Jahren die 8-jährige Grundschule begann sowie dass nach der Grundschule eine 2 – 4 jährige Berufs-, Fach- oder
Oberschule folgte, beide Schulformen waren Pflicht für alle Schüler. Erste Zehnklassenschulen gab es bereits 1951, diese nannte man ab 1956 Mittelschulen. ….